Londoner Hybridkünstler mischt Kieler Landtag auf: „Aliens in Parliament“

Aliens protestieren ab morgen im Kieler Landtag gegen verschüttete Erinnerungen reicher Länder bezüglich kolonialer Vergangenheiten und Angst vor dem Fremden. Aus London kommend schweben sie in drei Flugmaschinen à la Leonardo da Vinci mitten hinein in die Ausstellungshalle des Parlaments von Schleswig-Holstein. Der sich selbst als „postkolonialen Hybrid“ bezeichnende britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare MBE ist Star der Reihe „KunSt aktuell im LandesHaus“ des schleswig-holsteinischen Landtags und der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH). Er wird präsentiert von der Gerisch-Stiftung aus Neumünster. Um 19:00 Uhr beginnt die Vernissage der Ausstellung „Aliens in Parliament“ mit anschließendem Künstlergespräch.

Anti-Reinheit, Anti-Essentialismus, das Gegenteil von Nationalismus und die Kombination unterschiedlicher kultureller Elemente: Hybridität ist für den Künstler Yinka Shonibare MBE klar definiert, und zwar als Forschungsfeld seiner Kunst. Als Mann mit zwei Heimaten, Lagos und London, Afrika und Europa, bezeichnet der 52-Jährige sich selbst als „postkolonialer Hybrid“ und bricht mit voller Absicht in die Idylle des schleswig-holsteinischen Landtags herein: „Ja, ich bin hier, um zu protestieren“, lautet das Motto des in London lebenden Nigerianers: „Aber wie ein Gentleman.“ Shonibares tiefdunkler Protest kommt farbenfroh und fröhlich daher, denn „es soll schön aussehen und Sie werden nicht merken, dass ich protestiere“. Unterschwellig-charmant verkleidet er seine beißende Gesellschaftskritik, untersucht Phänomene rassischer Vorurteile, geißelt die „Dummheit der Dinge“ und ist überzeugt davon, dass als „logische Schlussfolgerung jeglichen Sektierertums Auschwitz“ drohe.

Einem internationalen Publikum bekannt wurde Yinka Shonibare durch seine Teilnahme an der Documenta 11 vor zwölf Jahren. Schon damals provozierte er mit Mitteln der „Galanterie“, installierte kopflose Figuren in bunten, edlen Gewändern, die ganz unedel und wild kopulierten. Was die Kolonialherren den von ihnen Unterdrückten und Ausgebeuteten antaten, zahlt Shonibare ihnen augenzwinkernd aber unmissverständlich zurück.

In Anspielung auf die Rachemorde an Aristokraten während der Französischen Revolution, die per Guillotine geköpft wurden, entwickelte  Shonibare seine Arbeiten mit kopflosen und in bunte Kostüme gekleideten Figuren ursprünglich als Scherz. Den daraus entstandenen künstlerischen Umgang mit Exessen als politisches Statement zeigt seine Figur “Impaled Aristrocat“ – der gepfählte Aristrokat – drastisch und exemplarisch. Enthauptet und von einem Dolch durchbohrt taumelt der Gemeuchelte dem Betrachter entgegen, gekleidet in holländisches Wachstuch, mit dem die Kolonialisten einst reich wurden. Diese von Europäern als folkloristisch-afrikanisch angesehenen Stoffe stammen dabei ursprünglich aus dem indonesischen Java – früher Markendiebstahl in schon damals globalen Handelswelten.

Links und weitere Informationen:
Ausstellungseröffnung: Yinka Shonibare MBE, „Aliens in Parliament“,
Donnerstag, 3. Juli, 19 Uhr, Plenarsaal des Landeshauses
Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel
Die Ausstellung ist ab dem 4. Juli bis zum 27. Juli täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Führen Sie bitte einen Personalausweis mit sich.
http://www.landtag.ltsh.de/aktuell/veranstaltungen/2014/07-juli/kunst-aktuell_yinka-shonibare.html
Ausstellungs-Ankündigung der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH)
Hybridskulptur TRINA in der Ausstellung des postkolonialen Hybrids:
Yinka Shonibare MBE, „Cannonball Paradise“, im Skulpturenpark der Gerisch-Stiftung, läuft noch bis zum 19. Oktober 2014. http://www.gerisch-stiftung.de/
Yinka Shonibare MBE wird von der Londoner Stephen Friedmann Gallery vertreten.

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