Eindeutig, grell und mit Ausrufezeichen. Secession!

Secessionisten

Secessionisten


Der Begriff ist klar und eindeutig gewählt und prangt grell auf den Brüsten des Künstler-Quartetts: Secession! Pink auf Schwarz in Fraktur und mit Ausrufezeichen.
Startet nicht sonntags nach dem Kirchgang sondern an einem Dienstag nach Feierabend, nicht im Museum, sondern um 19 Uhr über der Lauschbar.

Secession! Abspaltung heißt das ebenso eindeutig und ist in der Kunst ein historisch besetzter Begriff von Nein, so nicht mehr und Auf zu neuen Ufern. Mit Auseinandersetzung verbunden, Konfrontation, Reflektion, ja, auch mit Streit. So wie einst in Wien und Berlin vor über 100 Jahren nun tatsächlich auch in der Kulturmetropole Itzehoe an der Stör, die ja nun endlich wieder geöffnet werden wird, damit die Stadt ihr Herz zurück bekommt.
Secessieren sich Wiebke Logemann, Manuel Zint, Saskia de Kleijn und Christian Richter tatsächlich vom etablierten Künstlerbund Steinburg? Wackelt damit gar eine der drei etabliert tragenden Säulen des Kulturstandortes Itzehoe nach 60 Jahren ihres Bestehens?

Nein und Ja und doch wieder nicht, aber notwendig und irgendwie tatsächlich endlich doch: abnabelnde Abspaltung. Die Befindlichkeiten sind divers, das Porzellan bleibt heil und die Not bleibt so groß wie sie ist und wird vielleicht nur nicht noch größer. Schon das allein rechtfertigt den Aufschrei nach Entfernung, Distanzierung, rechtfertigt Veränderung. Secession in Itzehoe führt, wenn es denn so gesehen werden will, dies exemplarisch vor:

Da installiert Christian Richter in einen perfekten 1-Mensch-Raum sein bissig hingefläztes Jugendzimmer. In den heiligen Museums-Hallen, in denen der Künstlerbund Steinburg wie ein schmelzender Eisberg hineingezwängt scheint, ist dieser rülpsende Kommentar des Künstlers zur Zeit kaum vorstellbar. Er wäre auf jeden Fall wirkungslos und völlig fehl am Platze. Hier aber, über der Lauschbar „wirken Ort und Mechanismen der Subkultur“. Aus der Tiefe des Raumes, des beengten, schallt tonlos der Schrei nach Mehr, mehr Raum auch, vor allem auch für Kunst, und jeder, der rein schaute, hat ihn gespürt, den stummen Schrei.

Die vergessene Treppe

Die vergessene Treppe

Manuel Zint überzeugt mit seinen Installationen gleich dreifach mit gelungenem Transfer von Raum, sowohl geographisch als auch zeitlich. Ja, da heischt ein Koffer kokett um Aufmerksamkeit für seine weit gereisten Geheimnisse, und in einem wirklich gut geschützten Ambiente steht die Märchenwelt Kopf. Der heimliche Star der „Secession“ aber ist Zints „Vergessene Treppe“, Volume Zwei sozusagen und in keinem Katalog erwähnt.

Noch vor zwei Jahren weckte Manuel Zint im Wenzel-Hablik-Museum mit der „fiktiven Historie“ seiner Eckinstallation „Vergessene Treppe“ Neugier auf eine Kunstausstellung in den Räumen jenseits der Außenmauer. Und nun lädt die in der Tat vergessene Treppe der Lauschbar, die einstmals für das gemeine Publikum sogar verbotene Treppe des „Goosmarkts“, ganz real zum Hinaufsteigen ins BackStage ein, um tatsächlich den so dringend herbei gesehnten Neu-Raum für Kunst zu gebrauchen. Wegen mangelnder Tragfähigkeit des morschen Gebäudes portioniert Zint den Zuschauerandrang. Schlangestehen für die Secession. Mit so einer Idee hätte man beim einstmal geplanten Erwerb der Hablik-Villa in der Kunstwelt punkten können, anstatt sich kleinkariert zu blamieren.

Im alten Raum, dem schönen Museum, verzauberte Saskia M. de Kleijn bei ihrem Künstlerbund-Debüt mit ihren unwirklichen, harmonischen Landschaften, die sie „der Welt hinzufügen“ wollte. Jetzt bringt sie Schmerz. De Kleijn imaginiert ein dreckiges, blutiges Hühnerschlachten in den gefundenen nun schon zum wiederholten Male perfekten neuen Ort. Bemerkenswert: Zum Hingucken müssen sich zahlreiche der über 100 Premieren-Besucher ähnlich überwinden wie die Künstlerin zum Malen.

Aggressiv auch der Empfang im dritten der BackStage-Kunsträume über der Lauschbar. Soldat, Soldat, giftgrüner Blechkamerad, Knarre im Anschlag, ungeliebt, ungeehrt und schmutzig wie der Krieg eingesockelt. Und dahinter die einzige farbenfrohe Wand der Secessions-Premiere.

Sie stürzt beim Näherkommen in bodenlose Ambivalenz von absoluter Katastrophe und Das-Leben-geht-geschäftig-seinen-Gang-Gefühl. Und Wiebke Logemann überlegt, wie sie ihr wandfüllendes PostIt-Puzzle potentiell Interessierten praktikabel anbieten kann. Aus der Ferne fröhlich, leicht und ornamental, paraphrasiert sie den real existierenden kernenergetischen Realismus als pictogrammaturgisches Säulendiagramm. So hübsch kann warnende Wahrheit ins Bewusstsein geklebt werden.

Ohne Zweifel war diese Premiere der vier Secessionisten über der Lauschbar eine gelungene. Eine seltsame Atmosphäre benetzte die Secessions-Etage mit dem Air morbiden Charmes und lustvollen Aufbruchs.
Verdientermaßen zahlreich, sachkundig und wirklich interessiert war der Publikumszuspruch. Lebhaft. Freudig. Insbesondere unter den Künstlern wurde der Ruf „Secession“ genauestens wahr genommen. Den Secessionisten selbst war die Erleichterung anzumerken, dass ihr Auftritt auf der Lauschbar-Bühne (zur Musik von „Ehren-Secessionist“ Clöse ) perfekt hingehauen hat. Respekt.

Erfrischend spürbar ist der Elan des aufmüpfigen Quartetts, den neu gewonnenen Kunst-Raum endlich bespielen zu dürfen, wie es so schön heißt. Konzentriert wird gekonnt die handwerkliche Klaviatur angewandter Kunst stimmig genutzt um Position zu beziehen. Eindeutig, grell und mit Ausrufezeichen. Secession!

Die Ausstellung „Secession!“ ist bis zum 17. September 2011 über der Lauschbar zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Homepage: www.secession.cc!

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